Rohöl wird teurer, Benzin steigt. Rohöl wird billiger – doch Benzin, Heizöl oder Strom kehren häufig nicht auf frühere Preisniveaus zurück. Seit den 1990er-Jahren haben sich die Energiepreise in Deutschland erheblich verändert. Dabei wirken Weltmarktpreise, Raffineriekosten, Netzentgelte, Steuern, Abgaben und inzwischen auch CO₂-Kosten zusammen. Gleichzeitig steigen die Löhne. Entscheidend ist deshalb nicht allein der Preis an der Tankstelle oder auf der Stromrechnung, sondern wie viel davon nach Steuern und Sozialabgaben mit dem Nettolohn tatsächlich bezahlt werden kann.

Der erste Blick täuscht: Rohöl wird nicht einfach immer teurer

Die Entwicklung des Rohölpreises seit 1990 zeigt keinen kontinuierlichen Aufwärtstrend. Ein Barrel Brent kostete im Jahresdurchschnitt 1990 rund 23,76 US-Dollar. 1998 waren es nur 12,76 Dollar. 2008 stieg der Preis auf 96,94 Dollar, 2012 auf 111,63 Dollar, fiel 2016 wieder auf 43,64 Dollar und erreichte 2022 erneut 100,93 Dollar. Im Jahresdurchschnitt 2025 lag Brent dagegen bei lediglich 69,14 Dollar.

Das Grundmuster lautet damit zunächst: Der Rohstoffpreis schwankt in ausgeprägten Zyklen. Ein dauerhaft immer teurer werdender Weltmarkt für Rohöl lässt sich aus der Zeitreihe nicht ableiten.

Bei den Preisen für Verbraucher sieht das Bild anders aus.

Benzin und Diesel: Aus dem Rohölpreis wird ein Endpreis

1991 kostete ein Liter Super im Jahresdurchschnitt 132,2 Pfennig, umgerechnet rund 0,68 Euro. Diesel kostete 106,8 Pfennig beziehungsweise etwa 0,55 Euro je Liter. 2025 lagen die Jahresdurchschnittspreise für Super E10 bei rund 1,69 Euro und für Diesel bei 1,61 Euro. Die Kraftstoffqualitäten sind über diesen langen Zeitraum nicht vollkommen identisch, die Größenordnung der Preisentwicklung wird dennoch deutlich.

Der Benzinpreis hat sich damit nominal etwa verzweieinhalbfacht, der Dieselpreis annähernd verdreifacht.

Der Rohölpreis erklärt diese Entwicklung nur teilweise. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums orientieren sich die deutschen Tankstellenpreise grundsätzlich an den Großhandelspreisen für Kraftstoffe am Rotterdamer Markt. Hinzu kommen aber Raffinerie, Biokomponenten, Transport, Lagerung, Vertrieb, Erdölbevorratung sowie Steuern und CO₂-Kosten.

Ein wichtiger Einschnitt erfolgte ab 1999 mit der ökologischen Steuerreform. Zum 1. April 1999 wurde die Mineralölsteuer auf Kraftstoffe zunächst um 3,07 Cent je Liter angehoben. Weitere Erhöhungen folgten bis 2003. Gleichzeitig wurde die Stromsteuer eingeführt.

Seit 2003 beträgt der reguläre Energiesteuersatz 65,45 Cent je Liter Ottokraftstoff und 47,04 Cent für Diesel. Bemerkenswert ist: Diese Energiesteuer wurde seitdem nominal nicht ständig weiter erhöht. Allerdings werden auf den gesamten Verkaufspreis einschließlich Energiesteuer zusätzlich 19 Prozent Umsatzsteuer erhoben. Steigt der Nettopreis des Kraftstoffs, steigt deshalb automatisch auch der absolute Umsatzsteuerbetrag.

Seit 2021 kommt die nationale CO₂-Bepreisung hinzu. Sie begann mit 25 Euro je Tonne CO₂, stieg bis 2025 auf 55 Euro und liegt 2026 in einem Preiskorridor von 55 bis 65 Euro. Die hierfür entstehenden Kosten werden von den Inverkehrbringern fossiler Brennstoffe grundsätzlich in die Preiskalkulation einbezogen.

2026 zeigt das Muster besonders deutlich

Im September 2026 kostete Super E10 im bundesweiten Monatsdurchschnitt 2,266 Euro, Diesel 2,386 Euro je Liter. Der ADAC weist darauf hin, dass sich dieses Preisniveau nicht allein mit dem Rohölpreis erklären lasse. Im April hatte Brent zeitweise deutlich oberhalb von 100 Dollar je Barrel gelegen, während Super E10 dennoch günstiger war als im September.

Seit dem 1. Oktober 2026 wird deshalb die Energiesteuer auf Benzin und Diesel vorübergehend bis Jahresende gesenkt. Zusammen mit der dadurch ebenfalls geringeren Umsatzsteuer beträgt die rechnerische Entlastung rund 17 Cent je Liter. Auch dies zeigt: Der staatliche Anteil kann den Endkundenpreis unmittelbar und deutlich verändern – nach oben wie nach unten.

Heizöl: besonders unmittelbar vom Rohölmarkt betroffen

Beim Heizöl ist die Verbindung zum Rohölpreis stärker sichtbar. 2024 kostete leichtes Heizöl im Jahresdurchschnitt rund 0,99 Euro je Liter. Innerhalb desselben Jahres schwankte der Preis zwischen ungefähr 92 Cent und 1,07 Euro.

2026 folgte erneut ein extremer Preisschub. Im März lag leichtes Heizöl für Verbraucher 44,4 Prozent über dem Vorjahreswert, im August sogar 49,6 Prozent darüber.

Auch hier besteht der Endpreis nicht nur aus Rohöl. Verarbeitung, Handel, Transport, Energiesteuer, CO₂-Bepreisung und Umsatzsteuer liegen zwischen Weltmarkt und Heizöltank.

Das typische Muster lautet daher: Marktpreisschocks können sehr schnell beim Verbraucher ankommen. Sinkt der Rohstoffpreis später wieder, bleiben jedoch die festen Bestandteile des Endpreises bestehen.

Strom: Erzeugungspreis und Haushaltsstrompreis sind zwei verschiedene Dinge

Noch deutlicher wird dieser Effekt beim Strom. Eine Kilowattstunde Haushaltsstrom kostete 1998 durchschnittlich 17,11 Cent. 2024 waren es 40,92 Cent. Das entspricht nominal einem Anstieg von rund 139 Prozent. Selbst preisbereinigt lag der Haushaltsstrompreis laut BDEW 2024 noch rund 48 Prozent höher als 1998.

Interessant ist die Aufteilung. Der Anteil für Beschaffung, Vertrieb und Netze stieg nach der BDEW-Zeitreihe von 13,04 auf 29,11 Cent beziehungsweise nominal um 123 Prozent. Steuern, Abgaben und Umlagen erhöhten sich von 4,07 auf 11,82 Cent – ein nominales Plus von 190 Prozent und selbst inflationsbereinigt von rund 80 Prozent.

2026 liegt der durchschnittliche Haushaltsstrompreis wieder niedriger bei etwa 37 Cent je Kilowattstunde. Davon entfallen ungefähr 15,2 Cent auf Beschaffung und Vertrieb, 9,2 Cent auf Netzentgelte und 12,6 Cent auf Steuern, Abgaben und Umlagen.

Damit wird ein grundlegender Unterschied sichtbar: Ein fallender Börsenstrompreis bedeutet nicht automatisch einen entsprechend fallenden Haushaltsstrompreis. Netzentgelte, Steuern und Umlagen reagieren nicht unmittelbar auf den Großhandelspreis. Auch Energieversorger beschaffen Strom teilweise langfristig, sodass Veränderungen des Börsenpreises zeitverzögert beim Kunden ankommen. Die Bundesnetzagentur bezifferte den nicht vom Lieferanten beeinflussbaren Anteil des Haushaltsstrompreises im April 2025 auf rund 60 Prozent.

Und die Löhne? Der Durchschnitt sagt nur einen Teil der Wahrheit

Beim Vergleich von Energiepreisen und Einkommen entsteht schnell ein methodisches Problem. Der durchschnittliche Bruttolohn wird häufig als Maßstab dafür verwendet, wie viel Beschäftigte verdienen. Genau dieser Durchschnitt kann jedoch ein günstigeres Bild vermitteln als die tatsächliche Einkommensverteilung.

Das Statistische Bundesamt weist für Vollzeitbeschäftigte im Jahr 2025 einen durchschnittlichen Bruttomonatsverdienst von 4.851 Euro ohne Sonderzahlungen aus. Dieser Wert ist rechnerisch korrekt. Er bedeutet jedoch nicht, dass ein typischer Arbeitnehmer annähernd 4.850 Euro im Monat verdient.

Aussagekräftiger ist hierfür der Median.

Im April 2025 lag der mittlere Bruttomonatsverdienst von Vollzeitbeschäftigten bei 4.123 Euro. Die eine Hälfte verdiente mehr, die andere Hälfte weniger. Der Durchschnitt lag im selben Zusammenhang bei rund 4.784 Euro und damit deutlich höher.

Noch deutlicher wird die Verteilung bei den Daten der Bundesagentur für Arbeit. 2024 betrug das Medianentgelt sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigter 4.013 Euro. Das untere Viertel lag dagegen bei höchstens rund 3.051 Euro brutto im Monat.

Auch die Jahresverdienste zeigen die Spannweite. 2025 verdienten die unteren zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten höchstens 33.828 Euro brutto im Jahr einschließlich Sonderzahlungen. Die oberen zehn Prozent erhielten mindestens 100.719 Euro.

Damit wird klar: Ein Durchschnittswert von fast 4.900 Euro beschreibt die Einkommenslage eines großen Teils der Arbeitnehmer nur eingeschränkt.

Einkommen zwischen 2.200 und 3.400 Euro sind deshalb für die Kaufkraftanalyse wichtig

Für die Frage, wie stark Energiepreise einen Haushalt tatsächlich belasten, ist es sinnvoll, zusätzlich mit niedrigeren und mittleren Einkommen zu rechnen.

Dabei können beispielsweise folgende Bruttolöhne betrachtet werden:

MonatsbruttoEinordnung
2.200 €unterer Einkommensbereich
2.800 €unterer bis unterer mittlerer Bereich
3.400 €unterhalb des Vollzeitmedians
4.100 €ungefähr heutiger Vollzeitmedian

Diese Werte sollen keine Aussage darüber treffen, dass „die meisten“ Arbeitnehmer zwischen 2.200 und 3.400 Euro verdienen. Sie zeigen vielmehr, wie stark sich Energiekosten bei Einkommen auswirken, die deutlich unterhalb des häufig verwendeten Durchschnittslohns liegen.

Das ist für die Kaufkraftanalyse entscheidend.

Vom Brutto kann keine Stromrechnung bezahlt werden

Noch wichtiger ist der nächste Schritt: Haushalte bezahlen Benzin, Strom oder Heizöl nicht mit dem Bruttolohn, sondern mit dem Einkommen, das nach Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen tatsächlich auf dem Konto ankommt.

Für 2026 gelten beispielsweise bei gesetzlich Versicherten Beiträge zur Rentenversicherung von insgesamt 18,6 Prozent, zur Arbeitslosenversicherung von 2,6 Prozent und zur Pflegeversicherung von grundsätzlich 3,6 Prozent. In der gesetzlichen Krankenversicherung beträgt der allgemeine Beitragssatz 14,6 Prozent, hinzu kommt 2026 ein durchschnittlicher Zusatzbeitrag von 2,9 Prozent. Arbeitgeber und Arbeitnehmer tragen große Teile dieser Beiträge jeweils zur Hälfte; der Zuschlag für Kinderlose in der Pflegeversicherung wird vom Arbeitnehmer getragen.

Bei einer beispielhaften Berechnung für einen alleinstehenden, kinderlosen Arbeitnehmer in Steuerklasse I, gesetzlich versichert, ohne Kirchensteuer und mit durchschnittlichem Zusatzbeitrag ergeben sich für 2026 ungefähr folgende Werte:

BruttoNetto ungefährSteuern und ArbeitnehmerbeiträgeAnteil des Bruttos
2.200 €1.591 €609 €27,7 %
2.800 €1.941 €859 €30,7 %
3.400 €2.278 €1.122 €33,0 %
4.100 €2.659 €1.441 €35,1 %

Die tatsächlichen Beträge unterscheiden sich je nach Steuerklasse, Kindern, Krankenkasse, Kirchensteuer, Bundesland und persönlichen Freibeträgen. Die Beispielwerte basieren auf den Regeln für 2026 und dem Programmablaufplan zur Lohnsteuer.

Damit verändert sich die Perspektive erheblich.

2.800 Euro brutto bedeuten eben nicht 2.800 Euro verfügbare Kaufkraft, sondern in diesem Beispiel nur rund 1.941 Euro.

Von diesem Betrag müssen anschließend Miete, Strom, Heizung, Mobilität, Lebensmittel, Versicherungen und alle weiteren Lebenshaltungskosten bezahlt werden.

Was Energie bei einem niedrigeren Einkommen tatsächlich ausmacht

Ein Beispiel verdeutlicht die Wirkung.

Angenommen wird bewusst kein besonders hoher Energieverbrauch:

  • 2.500 Kilowattstunden Haushaltsstrom im Jahr
  • 10.000 Kilometer Fahrleistung
  • Verbrauch des Autos: 7 Liter Super E10 je 100 Kilometer

Das entspricht jährlich 700 Litern Kraftstoff.

Private Haushalte zahlten im ersten Halbjahr 2026 durchschnittlich 37,97 Cent je Kilowattstunde Strom. Im September 2026 kostete Super E10 durchschnittlich 2,266 Euro je Liter.

Daraus ergeben sich:

Strom

2.500 kWh × 0,3797 € = rund 949 € im Jahr

Benzin

700 Liter × 2,266 € = rund 1.586 € im Jahr

Zusammen sind das rund 2.535 Euro jährlich beziehungsweise 211 Euro monatlich.

Und darin sind Heizkosten noch überhaupt nicht enthalten.

Bei den unterschiedlichen Nettolöhnen ergibt sich damit allein für Strom und diese vergleichsweise moderate Fahrleistung folgende Belastung:

BruttoNettoStrom + BenzinAnteil am Netto
2.200 €ca. 1.591 €211 €13,3 %
2.800 €ca. 1.941 €211 €10,9 %
3.400 €ca. 2.278 €211 €9,3 %
4.100 €ca. 2.659 €211 €7,9 %

Damit zeigt sich das eigentliche Problem wesentlich deutlicher.

Der gleiche Liter Benzin und die gleiche Kilowattstunde Strom kosten jeden Verbraucher denselben Preis. Gemessen am verfügbaren Einkommen sind sie für einen Arbeitnehmer mit 1.600 Euro netto aber wesentlich teurer als für jemanden mit 2.700, 4.000 oder 8.000 Euro netto.

Heizkosten verschärfen diesen Effekt zusätzlich

In der Beispielrechnung fehlen bislang Heizöl, Erdgas oder andere Heizenergien.

Gerade 2026 zeigt, wie stark dieser zusätzliche Kostenblock schwanken kann. Im August 2026 lag der Verbraucherpreis für leichtes Heizöl 49,6 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats. Kraftstoffe waren gleichzeitig 27,7 Prozent teurer als ein Jahr zuvor.

Wer gleichzeitig Auto fahren muss und mit Heizöl heizt, wird deshalb erheblich stärker getroffen als es der allgemeine Verbraucherpreisindex erkennen lässt.

Das ist ein grundsätzliches Problem von Durchschnittswerten: Ein Verbraucherpreisindex beschreibt einen statistischen Warenkorb. Die tatsächliche persönliche Inflation hängt jedoch davon ab, wofür ein Haushalt sein Geld ausgeben muss.

Wer einen großen Teil seines Nettolohns für Miete, Energie, Mobilität und Lebensmittel benötigt, kann Preissteigerungen bei diesen Positionen kaum umgehen.

Der Blick zurück zeigt die Verschiebung

1998 kostete Haushaltsstrom durchschnittlich 17,11 Cent je Kilowattstunde. Anfang 1999 kostete Superbenzin weniger als 79 Cent je Liter.

Würde man denselben beispielhaften Verbrauch zugrunde legen wie heute – also 2.500 Kilowattstunden Strom und 700 Liter Kraftstoff im Jahr –, hätten diese beiden Positionen damals grob rund 981 Euro jährlich gekostet.

Mit den heutigen Vergleichswerten sind es rund 2.535 Euro.

Das entspricht nominal einer Zunahme um ungefähr 159 Prozent.

Natürlich ist dieser Vergleich keine vollständige Inflationsrechnung. Fahrzeuge sind sparsamer geworden, Verbrauchsgewohnheiten haben sich verändert und auch Einkommen sind gestiegen. Er zeigt aber, wie stark sich der notwendige Geldbetrag verändert hat, der zunächst verdient und anschließend versteuert und verbeitragt werden muss, um dieselbe Energiemenge erwerben zu können.

Auch der Medianlohn ist real viel weniger gestiegen als nominal

Gerade deshalb ist die Entwicklung des Medianlohns interessanter als der Durchschnittslohn.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg das Medianentgelt sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigter zwischen 2011 und 2024 nominal um 43,2 Prozent.

Der Verbraucherpreisindex stieg im gleichen Zeitraum um 32,6 Prozent.

Preisbereinigt entspricht das nicht einem Kaufkraftzuwachs von 43 Prozent, sondern grob nur rund 8 Prozent.

Das ist eine wesentlich andere Größenordnung.

Auf dem Lohnzettel steht erheblich mehr Geld. Die tatsächlich zusätzlich verfügbare Kaufkraft ist dagegen nur vergleichsweise gering gestiegen.

Und auch diese acht Prozent beziehen sich zunächst auf den Bruttomedian.

Wie viel davon netto verbleibt, hängt wiederum von Einkommensteuer, Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung ab.

Warum Durchschnittswerte die Belastung unterschätzen können

Damit lässt sich auch erklären, warum sich die Wahrnehmung vieler Haushalte deutlich von Aussagen unterscheidet, nach denen die Einkommen langfristig real gestiegen seien.

Beide Aussagen können gleichzeitig richtig sein.

Das durchschnittliche oder mittlere Einkommen kann real steigen. Gleichzeitig kann ein Haushalt mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen feststellen, dass nach Miete, Energie, Mobilität und Lebensmitteln kaum zusätzlicher finanzieller Spielraum entstanden ist.

Das liegt daran, dass nicht jede Ausgabe gleich stark steigt und nicht jede Ausgabe freiwillig ist.

Ein Arbeitnehmer kann den Kauf eines Fernsehers verschieben. Er kann aber kaum auf Strom verzichten.

Wer auf dem Land arbeitet, kann häufig nicht kurzfristig auf das Auto verzichten.

Eine Familie kann ihre Wohnung nicht beliebig verkleinern, nur weil Heizenergie teurer wird.

Energie besitzt deshalb eine besondere Wirkung auf die Kaufkraft: Sie gehört überwiegend zu den Kosten, die bezahlt werden müssen, bevor frei verfügbares Einkommen entsteht.

Entscheidend ist deshalb nicht das Einkommen, sondern das frei verfügbare Einkommen

Nehmen wir erneut den Arbeitnehmer mit 2.800 Euro brutto.

Von diesen 2.800 Euro bleiben im Beispiel etwa 1.941 Euro netto.

Davon gehen allein für den beschriebenen Stromverbrauch und die moderate Autonutzung rund 211 Euro ab.

Verbleiben etwa 1.730 Euro.

Erst daraus müssen Miete, Heizkosten, Lebensmittel, Versicherungen, Kleidung, Kommunikation und sämtliche übrigen Lebenshaltungskosten finanziert werden.

Bei 3.400 Euro brutto bleiben etwa 2.278 Euro netto und nach denselben direkten Energiekosten etwa 2.067 Euro.

Beim statistischen Median von ungefähr 4.100 Euro brutto bleiben rund 2.659 Euro netto und nach diesen Energiekosten ungefähr 2.448 Euro.

Damit wird sichtbar, warum ein Vergleich von Energiepreisen mit einem durchschnittlichen Bruttolohn von fast 4.900 Euro die tatsächliche Belastung niedriger Einkommen nur schlecht abbildet.

Das eigentliche Muster seit den 1990er-Jahren

Damit lässt sich das Muster präziser formulieren.

Rohstoffpreise schwanken stark.

Rohöl kann steigen und wieder fallen. Großhandelspreise für Strom können explodieren und anschließend deutlich zurückgehen.

Beim Verbraucher kommt jedoch kein reiner Rohstoffpreis an.

Zum Marktpreis kommen Verarbeitung, Transport, Raffinerie, Handel, Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Umlagen, CO₂-Bepreisung und Umsatzsteuer hinzu.

Gleichzeitig muss der Verbraucher die benötigte Energie aus einem Einkommen bezahlen, von dem vorher Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge abgezogen wurden.

Es wirken deshalb zwei Ebenen gleichzeitig:

Auf der Einnahmeseite reduziert sich das Bruttoeinkommen auf das verfügbare Nettoeinkommen.

Auf der Ausgabenseite wird aus dem Rohstoff- oder Großhandelspreis durch weitere Preisbestandteile der Endkundenpreis.

Der Arbeitnehmer steht genau zwischen diesen beiden Systemen.

Je niedriger das Einkommen, desto stärker wirkt derselbe Energiepreis

Das ist möglicherweise der wichtigste Punkt der gesamten Betrachtung.

Eine Verteuerung der monatlichen Energiekosten um 100 Euro bedeutet für jemanden mit 1.600 Euro netto einen Kaufkraftverlust von 6,25 Prozent seines gesamten Nettoeinkommens.

Bei 2.700 Euro netto sind es 3,7 Prozent.

Bei 5.000 Euro netto nur noch 2 Prozent.

Der Preis ist identisch.

Die wirtschaftliche Wirkung ist es nicht.

Deshalb sagen Durchschnittswerte über Energiepreise und Durchschnittslöhne nur eingeschränkt etwas über die tatsächliche Belastung niedriger und mittlerer Einkommen aus.

Fazit: Der Durchschnitt steigt – der finanzielle Spielraum deutlich langsamer

Die langfristigen Daten zeigen nicht, dass sämtliche Arbeitnehmer seit 1990 immer ärmer geworden sind. Eine solche Aussage wäre durch die verfügbaren Statistiken nicht gedeckt.

Sie zeigen aber ein anderes, sehr deutliches Muster:

Nominale Einkommen sind stark gestiegen, die reale Kaufkraft wesentlich langsamer. Energiepreise sind bei verschiedenen Energieträgern zeitweise oder dauerhaft deutlich schneller gestiegen als die allgemeine Kaufkraft. Und je niedriger das Einkommen ist, desto größer ist der Anteil des Nettolohns, der dafür aufgewendet werden muss.

Ein Durchschnittslohn von fast 4.900 Euro kann deshalb rechnerisch korrekt sein und gleichzeitig für die Lebenswirklichkeit eines Beschäftigten mit 2.200, 2.800 oder 3.400 Euro brutto wenig Aussagekraft besitzen.

Für eine realistische Betrachtung muss die Rechnung deshalb anders aufgebaut werden:

Bruttolohn → Steuern und Sozialabgaben → Nettolohn → notwendige Lebenshaltungskosten → Energie → tatsächlich frei verfügbare Kaufkraft.

Erst am Ende dieser Kette zeigt sich, ob ein Arbeitnehmer tatsächlich wohlhabender geworden ist.

Und genau dort wird das langfristige Muster sichtbar: Die Zahl auf der Gehaltsabrechnung wächst wesentlich schneller als der finanzielle Spielraum, der nach Abgaben und notwendigen Lebenshaltungskosten tatsächlich übrig bleibt.